HGG-Literaturkurs

Theater am Heilig-Geist-Gymnasium

Casting

Nicht jeder hat das Zeug zum Künstler. Da muss man sich erstmal unter Beweis stellen und zeigen, wie man unter Stress arbeiten kann. Da jedes Jahr der Andrang unter den zukünftigen Akteuren sehr groß ist, muss eine Auswahl getroffen werden, was denkbar schwierig ist. So mancher freut sich schon lange dabei sein zu dürfen, und wenn das Casting dann nicht erfolgreich verläuft, kann der in oder andere Traum platzen.

Vor Ende des 11. oder ganz zu Beginn des 12. Schuljahres treffen sich die Schüler, die im nächsten Jahr am Literaturunterricht teilnehmen wollen, und Herr Bonn erklärt, was es bedeutet, ein Jahr lang Schauspieler zu sein und welche Herausforderungen dies mit sich bringt. Kleine Texte werden ausgeteilt und müssen innerhalb von einem Tag einstudiert werden. Am nächsten Tag wird dann das Erlernte geprüft.
Das hört sich noch verhältnismäßig einfach an, hat es aber in sich. Schließlich muss man sich auch überlegen, wie ein Text "rüberzubringen" ist, wie Mimik und Gestik den Einklang dazu schaffen. Hier ist viel Improvisationstalent gefragt, denn man muss nicht nur eine Aufgabe erfüllen, man müss überzeugen. Was die "armen" Mädels und Jungs dann letztendlich erwartet, mag sich keiner so recht ausgemalt haben...

Einzeln wurde man zur großen Stunde ins PZ gerufen. Der Raum war komplett abgedunkelt und man sollte sich auf der Bühne auf ein winziges Podest stellen. Die Anweisungen kamen von einer Stimme weit hinten im Dunkel. Auf dem Podest merkte man erst, dass das einzige Licht ein Spot war, der einem direkt ins Gesicht schien. In dieser Situation die plötzliche Nacktheit, die einen überkommt,  verarbeiten müssen und dabei den Text nicht vergessen, ist der erste Bissen am Künstlerbrot. Völlig unter Anspannung, versucht man sich zusammenzureißen und seinen "Mann" zu stehen, was auf dem kleinen Podest sichtlich schwer fällt und keinen Raum für Gestik und Bewegung lässt. Während man so gut, wie es gerade eben geht, seine Arbeit des letzten Tages vorstellt, schießen 1000 Fragen durch den Kopf.

  • "Sind das die angekündigten Leute vom Theater Aachen, dort wo nur Dunkel ist?"
  • "Lacht man mich gerade aus?"
  • "Wo soll ich mit meinen Händen hin?"
  • "Rede ich zu schnell und kann man mich überhaupt verstehen da hinten?"
  • "Ist mein Kopf roter als mein Pulli?"
  • "...?"

Und man kann noch nicht einmal in den Gesichtern der Anwesenden "Prüfer" lesen, wie die Darbietung ankommt. Kurz und gut, man ist einfach nur vollkommen hilflos.

Nach Beendigung erhält man auch keine deutbare Reaktion des Publikums
und verlässt den Saal nicht nur mit der Überzeugung, nicht dabei sein zu dürfen, sondern sich auch bis aufs Hemd blamiert zu haben. Schließlich finden sich die meisten dann doch auf der Liste der Auserwählten wieder, mit dem Bewusstsein, dass gerade das Meistern dieser Situation im Casting einen guten Schauspieler ausmacht, der nämlich auch unter größtem Stress und Nervenflattern Ruhe bewahren kann und die Konzentration behält.

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